





1. Die Christuskirche: Das kleine
Fähr- und Fischerbauerndorf Westswine, im Bereich der
Swinemündung gelegen, soll bereits um 1336 eine Kirche besessen
haben. 1629 wurde diese Kirchgemeinde, der geringen Einkünfte
wegen, mit dem Caseburger Pfarramt vereinigt. Von nun an
predigte der Caseburger Pfarrer alle vierzehn Tage auch in
Westswine. Über die Jahrhunderte verfiel das Kirchengebäude
allerdings mehr und mehr. Als in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts mit dem Ausbau des Hafens an der Swinemündung ein
ständig wachsendes neues Gemeinwesen entstand, war der Bau einer
angemessenen Stätte für den Gottesdienst eine zwingende
Notwendigkeit geworden. Die finanzielle Grundlage für die erste
Swinemünder Kirche bildete ein Königliches Gnadengeschenk von
12.800 Talern. Eingeweiht wurde das Gotteshaus am Kleinen Markt
im Jahre 1792. Es war ein recht schmuckloser
hallenartiger Bau ohne Turm. Die verfallene Kirche West-Swines
wurde danach abgerissen. Aus der alten Dorfkirche übernahm die
Swinemünder Kirche einen Kelch (Silbervergoldet mit bildlichen
Darstellungen der Kreuzigung, der vier Evangelisten und
einiger Heiligen) und drei geschnitzte Figuren, die nunmehr den
Vorraum der neuen Kirche zierten. Im Laufe der folgenden
Jahrzehnte gab es dann mehr oder weniger bedeutsame
Veränderungen des äußeren und inneren Kirchenbildes.1814
vermachte der Hamburger Schiffer Christian Heins (er stammte aus
einem kleinen Ort bei Stade) der Kirche ein hölzernes
Schiffsmodell (gedeckte Korvette), das im Kircheninneren
aufgehängt wurde. 1834 wurde die Orgel aus dem Jahre 1803 durch
einen Neubau des Orgelbauers Grünberg, Stettin, ersetzt. Etwa 50
Jahre später, im Jahre 1881, erhielt die Kirche endlich
einen Turm. Zudem wurden unter Leitung des Berliner
Regierungsbaumeisters Schäfer weitere bedeutsame Umgestaltungen
vorgenommen: Der Anbau einer Altarnische, die Neuordnung des
Gestühls, die Neuausstattung der Decke des Mittelschiffs, die
Vergrößerung der Orgelbühne, die Veränderung der Beleuchtung (2
große schmiedeeiserne Leuchter, 28 an den Wänden angebrachte
Armleuchter) und der Bemalung, die Vorbereitung einer
Heizungsmöglichkeit durch den Bau eines Schornsteins, die
Modifikation der Giebels, die Beschaffung vier neuer Glocken
(Glockengießer Voß – Stettin, sie wurden bis auf eine Glocke im
1.Weltkrieg eingeschmolzen), der Ersatz der alten
Kirchenuhr (Firma Rochlitz, Berlin). Die Einweihung nach dem
Umbau erfolgte am 20.September 1891. Unmittelbar nach der
Fertigstellung der Lutherkirche im Jahre 1906 verschönerte man
(in der Hauptsache mit Geldern des Heyseschen Vermächtnisses)
ebenfalls die älteste Kirche der Stadt. Das Gestühl wurde
erneuert, der bisherige Windfang am Südeingang zu einer Vorhalle
umgestaltet und an der Südwestecke ein Turm angefügt, um einen
zusätzlichen Ausgang zu erhalten. Nicht unerwähnt bleiben darf
ein neues großes Altarbild (Kopie des Bildes „Moritur in Deo“
von Bruno Piglhein). Weitere Reparaturarbeiten rundeten das
Ganze ab. Erst im Zusammenhang mit dem Bau der Lutherkirche
bekam nun die bis dahin namenlose alte Swinemünder Kirche den
Namen „Christuskirche“. Bemerkenswert sind auch die Aufstellung
einer hölzernen Lutherfigur im Jahre 1907 in der Kirche und die
neue Orgel von der Firma Steinmeyer & Co. (Oettingen in Bayern)
aus dem Jahre 1927. Pfarrer waren im Jahre 1930 die Herren
Reichmuth und Graeber. Durch den Bombenangriff am 12.03.1945 und in
der folgenden Zeit durch Plünderung u. ä. erlitt die Kirche zwar
Schäden, war jedoch recht bald wieder soweit hergestellt, dass
hier erneut Gottesdienste abgehalten werden konnten. Nach 1980
erfolgte ein radikaler Umbau des Kircheninneren. Von der
früheren Ausstattung blieben allein die Orgel, das Schiffsmodell
(oben im Bild) und einige Bilder erhalten. R.R.
2. Die Lutherkirche: In den Jahren 1905-1906 erfolgte der Bau
der Lutherkirche. Möglich wurde das durch die Heysesche
Millionen-Erbschaft, die sehr zur Blüte Swinemündes beitrug.
Frau Konsul Emilie Heyse, sie starb 1899, hatte in ihrem
Testament auch die Stadtgemeinde Swinemünde und deren
evangelische Kirchengemeinde als Erben eingesetzt. Die
Stadt und die evangelische Kirchengemeinde erhielten von dem
mehr als 2 Millionen umfassenden Nachlass 1.109.937,01 Mark als
eisernes, unantastbares Kapital. Die angesammelten Zinsen
sollten nach dem Willen der Erblasserin u. a. zum Bau eines
Waisenhauses und einer neuen Kirche verwendet werden.
Der Berliner Architekt Fritz Gottlieb hatte das neue Gotteshaus
mit 1000 Sitzplätzen und einem 67 m hohen Turm im Stil der
Frühgotik entworfen. Bei der im Jahre 1903 erfolgten
Grundsteinlegung waren neben dem Bürgermeister Grätzel von Grätz
der Oberpfarrer Wiesner und der preußische Kultusminister
anwesend, der die symbolischen drei Hammerschläge ausführte. Die
Kirche wurde gegenüber dem Amtsgericht, in der Bismarckstraße,
Ecke Moltkestraße (heute Ecke Pilsudskistraße - Paderewskistraße)
von Swinemünder Firmen gebaut. Die Glocken lieferten Voß und
Sohn aus Stettin, die Orgel die Firma Grünberg, ebenfalls aus
Stettin. Am 22.März 1906 erfolgte die Einweihung der neuen
Kirche durch Generalsuperintendent D. Büchsel. Die
neue Kirche war prachtvoll ausgestattet, die Vorhalle
schmückte eine Bronzestatue von Martin Luther. Pfarrer der
Kirche war im Jahre 1930 Herr Poetter, der gleichzeitig
Marinestandortpfarrer war. Im
Volksmund hießen die beiden großen evangelischen Kirchen nun
„die Alte Kirche“ bzw. „die Neue Kirche“. Ein
Gottesdienst, der 39 Jahre später, am Sonntag, dem 11.März
1945 in der „Neuen Kirche“ gefeiert wurde, sollte der letzte
sein! Am Tage danach, am 12. März 1945, war das Kirchendach
durch den Luftangriff auf die Stadt beschädigt worden, was
letztlich den Verfall der Kirche einleitete. Der polnische Historiker Jozef
Plucinski erklärt diese Tragik einerseits damit, dass die Kirche
an der Grenze des polnischen Stadtteils zum Kurviertel stand,
welches zur geschlossenen russischen Enklave geworden war. Für
die Polen war sie nach Plucinskis Meinung ein Symbol des
fremden, „deutschen“ Glaubens, für die Russen dagegen ein Symbol
der Religion schlechthin, die für sie „Opium für das Volk“
war. Hinzu kamen seines Erachtens menschliche Dummheit und
gedankenloser Vandalismus. Bald waren Bänke, Fenster und die
Orgel verschwunden, wurden Mauern und Dächer zerstört. Die
Lutherkirche verfiel und wurde im Jahre 1962 größtenteils
abgerissen. Das Dach des Turmes, der stehen geblieben war, wurde
1971 entfernt. Scheute man den großen Aufwand seines Abrisses
oder rettete den Turm der Umstand, dass er auf den Seefahrts-
und Militärkarten eingezeichnet war? Heute dient der
restaurierte Torso als Aussichtsturm und bietet einen schönen
Blick auf die Stadt und deren Umgebung.
E.R.
Neben den großen evangelischen
Gemeinden und der katholischen Gemeinde gab es in Swinemünde
auch eine kleine Gemeinde, die zu der sogenannten
Evangelisch-lutherischen (altlutherischen) Kirche Altpreußens
gehörte. Diese vom Staat unabhängige Freikirche hatte sich vor
fast 200 Jahren in Preußen gebildet, weil ihre Glieder die von
König Friedrich Wilhelm III. geforderte unierte Landeskirche
nicht mittragen wollten. Sie hielten es aus Gewissensgründen
für unmöglich, lutherisches und calvinistisch-reformiertes
Bekenntnis miteinander zu verbinden. Die altlutherische Gemeinde
Swinemünde gründete sich 1846 - nach mehreren Jahren eines
Vorstadiums - und wurde zunächst eine Filialgemeinde der
Altlutheraner in Wollin. Einen Gottesdienstraum schuf man sich
kurzfristig in einem Privathaus, und 1870 entstand in der
Schulstraße eine schlichte Kirche, die über 60 Jahre lang ihren
Zweck erfüllte. Jedoch, den Raum für die wachsende Gemeinde zu
vergrößern, ließ das kleine Grundstück nicht zu. Als der
Swinemünder Kaufmann Karl Lange der Gemeinde ein Grundstück
schenkte, wurde von dessen Erlös ein Gelände auf der Anhöhe in
der Gadebuschstraße, nahe der Friedenstraße, erworben. Dort
wurde 1934 mit der Initiative von Pastor Gerhard Stief, der seit
1926 der Seelsorger war, die schöne und würdige Kreuzkirche
errichtet - ein Klinkerbau mit 250 Sitzplätzen und einer
wertvollen Orgel. Der junge Berliner Architekt Richard Oertwig
gab mit diesem, seinem ersten Bau einen Beweis seines Könnens. -
Den Luftangriff auf Swinemünde am 12. März 1945 hatte die
Kirche, bis auf erhebliche Fensterschäden, überstanden - ganz im
Gegensatz zur Christuskirche und zur Lutherkirche, die
unbenutzbar waren. In der Kreuzkirche hielt zu Ostern 1945 - am
1. April - ein landeskirchlicher Geistlicher für die noch
verbliebenen evangelischen Swinemünder einen gemeinsamen
Abendmahlsgottesdienst. Pastor Stief war Ende 1944 im Baltikum
gefallen. Einen letzten Gottesdienst in der Kreuzkirche mit
einem altlutherischen Pastor gab es im September 1945 - er war
aus Berlin angereist. Bald danach stand die Kirche unbenutzt und
herrenlos da. Das Gebäude wurde von Jahr zu Jahr mehr verwüstet.
Gegen 1958 erfolgte der Abbruch. Nur einige Reststücke sind
jetzt auf der Anhöhe zu sehen. Und doch kann man sich die
Architektur der Kreuzkirche in voller Größe heute noch vor Augen
führen: Denn nach ihrem Vorbild wurde 1938/39 die evangelische
Kirche in Seebad Bansin gebaut!
Jozef Plucinski und Klaus Utpatel

Fotos oben: Der Turm der
ehemaligen Lutherkirche. Die Kreuzkirche, die Kirche der
Alt-Lutheraner in Swinemünde. Die Synagoge.
Foto links: Die Christurskirche am Kleinen Markt.
2.Reihe: Innenansicht der katholischen Kirche Ave Maris
Stella. Der Kelche aus der ehemaligen Kirche in Westswine.
Innenansicht der Christuskirche mit der an der Decke
befestigten Kogge.