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Die sagenhafte Stadt Vineta -
der Überlieferung nach
die berühmteste See- und Handelsstadt im alten Wendenlande
- hat es tatsächlich gegeben!
Die Sage
über Vineta - Teil 1: "An der nördlichen Küste der Insel Usedom sieht man häufig bei
stillem Wetter in der See die Trümmer einer alten, großen Stadt. Es hat dort die
einst weltberühmte Stadt Vineta gelegen, die schon vor tausend und mehr Jahren
wegen ihrer Laster und Wollust ein schreckliches Ende genommen hat. Diese Stadt
ist größer gewesen als irgend eine andere Stadt in Europa, selbst als die große
und schöne Stadt Konstantinopel, und es haben darin allerlei Völker gewohnt,
Griechen, Slawen, Wenden, Sachsen und noch vielerlei andere Stämme. Die hatten
allda jedes ihre besondere Religion; nur die Sachsen, welche Christen waren,
durften ihr Christentum nicht öffentlich bekennen, denn nur die heidnischen
Götzen genossen eine öffentliche Verehrung. Ungeachtet solcher Abgötterei waren
die Bewohner von Vineta aber ehrbar und züchtig von Sitten, und in
Gastfreundschaft und Höflichkeit gegen Fremde hatten sie ihresgleichen nicht."
(Fortsetzung weiter unten)
Bilder: Oben - Vineta - Festspiele in Zinnowitz, rechts - Vineta
-Festspiele in Barth.
Die Fakten: Der Historiker
Adam von Bremen (seit 1068 in Hamburg) schreibt in seiner
berühmten Hamburger Kirchengeschichte über Vineta :
„Über die Lutizier hinaus....tritt uns der Oder-Fluss entgegen, der reichste
Strom des Landes Slawien; an den Ufern desselben...bietet die sehr angesehene
Stadt Jumne (Vineta) den Barbaren und Griechen, die dort wohnen, einen viel
besuchten Standort dar (Jumne war im Altertum der Name für eine Landschaft, zu
der die Inseln Usedom und Wollin gehörten E.R.). Weil nun zum Preise der Stadt
viele und fast unglaubliche Dinge vorgebracht werden, so halte ich es für
anziehend, hier einiges, das Erwähnung verdient, einzuschalten. Es ist wirklich
die größte von allen Städten, die Europa einschließt. In ihr wohnen Slawen und
andere Nationen, Griechen und Barbaren. Denn auch den dort ankommenden Sachsen
ist unter gleichem Rechte mit den übrigen zusammen zu wohnen gestattet,
freilich nur, wenn sie, solange sie sich daselbst aufhalten, ihr Christentum
nicht öffentlich kund geben; denn alle sind noch im Irrwahn heidnischer
Abgötterei befangen.
Übrigens wird, was Sitte und Gastfreundlichkeit anbelangt, kein Volk zu finden
sein, das sich ehrenwerter und dienstfertiger erwiese. Jene Stadt, welche reich
ist durch die Waren aller Nationen des Nordens, besitzt alle möglichen
Annehmlichkeiten und Seltenheiten. Dort befindet sich der Vulkanstopf, den die
Eingeborenen das griechische Feuer nennen, dessen auch Solinus gedenkt. Dort
zeigt sich Neptun in dreifacher Art, denn durch drei Meere wird jene Insel
bespült, deren eins von ganz grünem Aussehen sein soll, das zweite aber von
weißlichem; das dritte ist durch ununterbrochene Stürme beständig in wutvoll
brausender Bewegung.
Von Jumne rudert man in kurzer Fahrt nach der Stadt Dymine (Demmin), die am
Rande des Flusses Peanis (Peene) gelegen, wo auch die Rauen (Rügier) wohnen.
Die Reise ist derart, dass man von Hammebure (Hamburg) oder vom Elbflusse in 7
Tagen nach der Stadt Jumne (Vineta) gelangt, und zwar zu Lande, denn will man zu
Wasser reisen, so muss man von Sliesweg (Schleswig) oder Aldinbure (Oldenburg)
zu Schiff gehen, um nach Jumne (Vineta) zu kommen. Von Jumne aus fortsegelnd,
landet man in 14 Tagen in Ostragrod in Rutizien (Russland).
Die Oder also... entspringt in einem sehr tiefen Meraher (Mährener) Wald, wo
auch unsere Elbe entspringt; jedoch fließen beide nicht lange neben einander,
sondern sie schlagen bald verschiedene Richtungen ein. Die eine nämlich, die
Oder, wendet sich nach Norden, und fließt mitten durch die Stämme der Vinelier (Vineter)
hindurch, bis sie nach Jumne gelangt, wo sie die Pomorjanen (Pommern) von den
Wilzen scheidet, die andere aber, die Elbe, welche nach Westen zu strömt.“
(geringfügig gekürzt und sprachlich bearbeitet von E.R.):
Wo müssen wir Vineta suchen?
Es gibt drei Hypothesen für die geographischen Koordinaten der vor etwa 1000 Jahren
versunkenen Stadt:
a ) Vineta ist vor
Koserow versunken (Bild: Die Ostsee vor Koserow), wie es die Sage überliefert hat. Der bekannte Swinemünder
Historiker W. F. Gadebusch führt in seiner Chronik der Insel Usedom von 1863 u. a.
folgende Argumente für diese Hypothese an:
-Steine aus dem Vinetariff vor Koserow, die in die Swinemünder Molen eingebaut
wurden, wiesen Spuren der Bearbeitung durch Menschen auf.
- Wollin, vier Meilen vom Meer, mit einem träge dahin schleichenden, versandeten
Fluss, kann niemals die große Handelsstadt an den drei Meeren sein, von der Adam von Bremen
spricht.
- Aus allen Überlieferungen ist zu schließen, dass Vineta nahe der Peenemündung
gelegen hat. Adam von Bremen schreibt von einer kurzen Ruderfahrt von Demmin
nach Vineta, nachdem man das Achterwasser (die scythischen Sümpfe) berührt
hatte.
- die drei Meere können dadurch erklärt werden, dass Vineta auf einer Landzunge
vor Damerow gelegen hat (auf einer Seite Wind, auf der anderen ruhige See, im
Süden das "grüne" Achterwasser).
- Der Historiker David Chyträus siedelt in seiner "Chronicon Saxiniae" im
16.Jahrhundert Vineta "jenseits des Peeneflusses beim Dorfe Damerow" an.
- Das Land der Vineter war Usedom, während Julin auf Wollin von den Pomorjanen
bewohnt war.
b) Für Rudolf Virchow (geb. 1821
in Schievelbein, Pommern, Pathologe, Politiker, Begründer der Zellularpathologie
und Mitbegründer der modernen Anthropologie und Ethnologie) war Wollin vor
tausend Jahren eine reiche und mächtige Stadt mit bis zu zehntausend Einwohnern. Virchow war überzeugt: "Vineta ist Wollin!".
Bild rechts: Das Rathaus in Wollin
Der Stettiner Archäologie Władisław Filipowiak führt diese Forschungen weiter. Er
hat ca. 50
000 Fundstücke zusammengetragen, um die Virchowsche These zu stützen..
c) Nach einer neueren These lag Vineta bei Barth (Goldmann und Wermusch).
Hiernach ist die Peene früher nicht ins Oder-Haff geflossen. Das Oder-Urstromtal
soll vielmehr über Anklam und Demmin nach Barth geführt haben und die Peene sei
dort in den Barther Bodden
gemündet.
Die Sage über Vineta - Teil 2
: Die Einwohner trieben einen überaus großen Handel;
ihre Läden waren angefüllt mit den seltsamsten und kostbarsten Waren, und es
kamen jahrein, jahraus Schiffe und Kaufleute aus allen Gegenden und aus den
entferntesten und entlegensten Enden der Welt dorthin. Deshalb war denn auch in
der Stadt ein über die Maßen großer Reichtum und das seltsamste und lustigste
Leben, das man sich nur denken kann. Die Bewohner Vinetas waren so reich, dass
die Stadttore aus Erz und Glockengut, die Glocken aber aus Silber gemacht waren;
und das Silber war überhaupt so gemein in der Stadt, dass man es zu den
gewöhnlichsten Dingen gebrauchte und dass die Kinder auf den Straßen mit harten
Talern gespielt haben. Solcher Reichtum und das abgöttische Wesen der Heiden
brachten aber am Ende die schöne und große Stadt ins Verderben. Denn nachdem sie
den höchsten Gipfel ihres Glanzes und ihres Reichtums erreicht hatte, gerieten
ihre Einwohner in große bürgerliche Uneinigkeit. Jedes von den verschiedenen
Völkern wollte vor dem anderen den Vorzug haben, worüber heftige Kämpfe
entstanden. Zu diesen riefen die einen die Schweden und die anderen die Dänen zu
Hilfe, die auf solchen Aufruf, um gute beute zu machen, schleunig aufbrachen und
die mächtige Stadt Vineta bis auf den Grund zerstörten und ihre Reichtümer mit
sich nahmen. Dieses soll geschehen sein zu den Zeiten des großen Kaisers Karl.
Andere sagen, die Stadt sei nicht von den Feinden erobert und zerstört
worden, sondern auf andere Weise untergegangen. Denn nachdem die Einwohner so
überaus reich geworden waren, da verfielen sie in die Laster der größten Wollust
und Üppigkeit, also dass die Eltern die Kinder aus reiner Wollust die Kinder mit
Semmeln wischten. Dafür traf sie dann der gerechte Zorn Gottes, und die üppige
Stadt wurde urplötzlich von dem Ungestüm des Meeres zugrunde gerichtet und von
den Wellen verschlungen. Darauf kamen die Schweden von Gothland her mit vielen
Schiffen und holten fort, was sie von den Reichtümern der Stadt aus dem Meer
herausfischen konnten; sie bargen eine Unmasse Gold, Silber, Erz und Zinn und
von dem herrlichsten Marmor. Auch die ehernen Stadttore fanden sie ganz; die
nahmen sie mit nach Wisby auf Gothland, wohin sich auch von nun an der Handel
Vinetas zog.
Die Stelle, wo die Stadt gestanden, kann man noch heutigentags sehen. Wenn man
nämlich von Wolgast über die Peene in das Land zu Usedom ziehen will und gegen
das Dorf Damerow, zwei Meilen von Wolgast, gelangt, so erblickt man bei stiller
See bis tief, wohl eine Viertelmeile ins in das Wasser hinein eine Menge großer
Steine, marmorner Säulen und Fundamente. Das sind die Trümmer der versunkenen
Stadt Vineta. Sie liegen in der Länge, von Morgen nach Abend. Die ehemaligen
Straßen und Gassen sind mit kleinen Kieselsteinen ausgelegt; größere Steine
zeigen an, wo die Ecken der Straßen gewesen sind und die Fundamente der Häuser
gestanden haben. Einige davon sind so groß und hoch, dass sie ellenhoch aus dem
Wasser hervorragen; allda haben die Tempel und Rathäuser gestanden. Andere
liegen noch ganz in der Ordnung, wie man Grundsteine für Gebäude zu legen
pflegt, so dass noch neue Häuser haben erbaut werden sollen, als die Stadt vom
Wasser worden verschlungen ist.
Wie weit die Stadt der Länge nach sich in das Meer hinein erstreckt hat,
kann man nicht mehr sehen, weil der Grund abschüssig ist, das Steinpflaster
daher je weiter, desto tiefer in das Meer hineingeht, auch zuletzt so übermoost
und mit Sand bedeckt ist, dass man es bis zu seinem Ende hin nicht verfolgen
kann. Die Breite der Stadt ist aber größer als die von Stralsund und Rostock und
ungefähr so wie die von Lübeck.
In der versunkenen Stadt ist noch immer ein wundersames Leben. Wenn das
Wasser ganz still ist, so sieht man oft unten im Grunde des Meeres in den
Trümmern ganz wunderbare Bilder. Große, seltsame Gestalten wandeln dann in den
Straßen auf und ab, in langen faltigen Kleidern. Oft sitzen sie auch in goldenen
Wagen oder auf großen schwarzen Pferden. Manchmal gehen sie fröhlich und
geschäftig einher; manchmal bewegen sie sich in langsamen Trauerzügen, und man
sieht dann, wie sie einen Sarg zum Grabe geleiten.
Die silbernen Glocken der Stadt kann man noch jeden Abend, wenn kein Sturm
auf der See ist, hören, wie sie tief unter den Wellen die Vesper läuten. Und am
Ostermorgen, denn vom stillen Freitage bis zum Ostermorgen soll der Untergang
von Vineta gedauert haben, kann man die ganze Stadt sehen, wie sie früher
gewesen ist; sie steigt dann, als ein warnendes Schattenbild, zur Strafe für
ihre Abgötterei und Üppigkeit, mit allen Häusern, Kirchen, Toren, Brücken und
Trümmern aus dem Wasser hervor, und man sieht sie deutlich über den Wellen.
Wenn es aber Nacht oder stürmisches Wetter ist, dann darf kein Mensch und
kein Schiff sich den Trümmern der alten Stadt nahen. Ohne Gnade wird das Schiff
an die Felsen geworfen, an denen es rettungslos zerschellt, und keiner, der
darin gewesen, kann aus den Wellen sein Leben erretten.
Von dem in der Nähe gelegenen Dorfe Loddin führt noch jetzt ein alter Weg
zu den Trümmern, den die Leute in Loddin von alten Zeiten her „den Landweg nach
Vineta“ nennen.
E.R.
„Vineta
Glocken“ aus der Alten Swine.
Im Jahre 1895
Hafen wurden bei Arbeiten am Swinemünder Hafen in der Nähe vom „Möwenhaken“ zwei
alte Glocken gefunden. Kein Wunder, dass sich in der Stadt in
Windeseile die Kunde
verbreitete, dass die Glocken der versunken Stadt Vineta ans Tageslicht
gefördert worden waren.
Wesentlich nüchterner beschrieb der bedeutende pommersche Kunsthistoriker
und Denkmalpfleger Hugo Lemcke den Fund. In seinem Werk
„ Die Bau- und
Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Stettin“, Heft IV „Der Kreis Usedom –
Wollin“, (1900) heißt es: „Im Jahre 1895 wurden beim Baggern in Swinestrom zwei
Glocken in beschädigtem Zustande zu Tage gefördert, die dem Stettiner Museum zur
Aufbewahrung überwiesen sind. Die größere hat einen Durchmesser von 68 cm; ihr
ist die ganze Krone abgeschlagen, im übrigen aber ist sie wohlerhalten. Am
oberen Rande befindet sich 5 Rundschilde von 4 cm Durchmesser, die Darstellungen
aus der Leidengeschichte in Gruppen von 3 bis 4 Personen enthalten; das Crucifixus der einen Gruppe zeigt die im 14. Jahrhundert übliche Form“. Lemcke
teilt auch die Inschrift mit, die sich am Mantel der Glocke befindet. In
„schönen klaren 5½ cm langen, ziemlich flachen gotischen Majuskeln“ ist
verzeichnet: „+O. REX.GLE. XPE VENI. CV. PACE+“ Auf Deutsch bedeutet dies: „ O
glorreicher König, Christus , komm mit Frieden“. Das Abkürzungszeichen über den
Buchstaben ist eine fünfzackige Krone. Außerdem ist die Glocke durch figürliche
Darstellungen des heiligen Nikolaus und der heiligen Katharina verziert, die –
18 und 29 Zentimeter hoch – in Umrisslinien zwischen die Worte eingefügt sind.
„Die tadellose Ausführung der Schrift, deren Buchstaben durch eine Mittelrippe
ausgezeichnet sind, macht neben der Sicherheit der Zeichnung in den Figuren die
Glocke zu einer der schönsten des ganzen Bezirks“, schätzte der Kunsthistoriker
den Wert des Stücks aus dem 14. Jahrhundert ein.
Die kleinere Glocke mit einem Durchmesser von 58 Zentimetern war in in deutlich
schlechterem Zustand. „Nur in ihrem unteren Teile, dem Schlagrande, und einem 10
bis 15 cm breiten Stück des darüber sitzenden Mantels erhalten“, schilderte
Lemcke. „ Sie zeigt keinerlei Schrift, die sich am oberen Teile befunden haben
mag, wohl aber am Schlagrande als Gießmarke einen plastischen, stehenden Greif,
der drei heraldische Strahlen in der vorgestreckten Pranke hält“, so die
Beschreibung des Denkmalpflegers. Daneben wurden Bruchstücke von anderen
Glocken, zum Beispiel ein Schlagrand, gefunden. Lemcke beschrieb außerdem „
Gusskuchen von Bronze, die von kleinen Seemuscheln, wie sie bei Swinemünde die
Ostsee zahlreich auswirft, durchsetzt sind“. Aus diesen geborgenen Teilen
schlussfolgerte er , dass „die Glocken schon zur Zeit ihres Versinkens
beschädigt zu dem Glockengut-Bestande eines Gießers gehört haben, der seine
Kunst am Ostseestrande im Umherreisen ausübte“.
Lange Jahre bis
zum zweiten Weltkrieg wurden die beiden Glocken im Altertumsmuseum in Stettin
aufbewahrt, wo sie vollkommen vergessen auf dem Hof lagen. Heute existiert im
Stettiner Nationalmuseum nur noch die größere Glocke. Die kleinere wurde in den
Kriegsjahren möglicherweise als Rüstungsmaterial eingeschmolzen.
Dr.Jozef Pluciński
http://www.vineta-festspiele.de/
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